“Der Ungeist der Stunde Null – Wie Österreich säte, was es heute hat” (Publikation im Verlag Bibliothek der Provinz)
Das Projekt “Der selektive Blick” ergab einen weit über die anfänglichen Vermutungen hinausgehenden Befund. In Wien, Österreichs politischem Zentrum, wie überhaupt der sowjetischen Besatzungszone, wurde der Holocaust von den Zeitungen bis Anfang August 1945 systematisch verschwiegen. Da jedoch in beiden in Wien erscheinenden Zeitungen, Neues Österreich und Österreichische Zeitung, zugleich ausführliche Berichte über die Vernichtungslager und Gaskammern erschienen, dort aber angeblich sowjetische Kriegsgefangene, friedliche Sowjetmenschen und Antifaschisten aus ganz Europa ermordet worden waren, bloß keine Juden, muss auf eine sowjetische Sprachregelung geschlossen werden, über die bislang keine Erkenntnisse vorliegen. Ab Anfang August wurde über den Holocaust in den Nachrichtenteilen vor allem anlässlich der Prozesse korrekt berichtet, während sich die Autoren der Meinungselemente, die Leitartikler, auch in den nun erscheinenden Parteizeitungen und in der “Wiener Zeitung” konsequent jeder Erwähnung des Holocaust enthielten. Jede historische Einordnung, jede vertiefende Verständnishilfe unterblieb. Meine Schlussfolgerung lautet: Die Chance, unter dem Eindruck des Geschehenen jene Abwehrkräfte gegen den Antisemitismus aufzubauen, die zugleich die mächtigsten Abwehrkräfte gegen jede rechtsradikale und rassistische Versuchung sind, wurde nicht genützt, die weiterwirkenden Folgen tragen wir heute.