Abstract

Im Rahmen des Forschungsprojekts, das außer durch den Zukunftsfonds auch noch durch den Nationalfonds und in der Anfangsphase auch durch das Kulturamt der Stadt Wien unterstützt wurde, konnten biographische Daten und Nachweise des journalistischen und publizistischen Werks über mehr als 3.000 österreichische Journalisten jüdischer Herkunft erhoben werden, die zwischen 1848 und 1938 in der deutschsprachigen Presse Österreichs bzw. Österreich-Ungarns regelmäßig veröffentlicht haben. Es ist dies über Österreich hinaus die bisher umfangreichste biographische Dokumentation über Leben, Berufslaufbahn und Werk, sowie Vertreibung, Ermordung und Überleben von Journalisten jüdischer Herkunft, wobei im Rahmen der Datenerhebung selbstverständlich nicht nur eine große Zahl vorhandener Standardwerke, wie z.B. relevante biographische Lexika (auch solche in ungarischer, tschechischer oder polnischer Sprache) und die bekannte Sekundärliteratur einbezogen wurden, sondern auch umfangreiche Aktenbestände verschiedener in- und ausländischer Archive. Mehr als 750 der in unserer Datenbank erfassten Journalisten und Journalistinnen, darunter sowohl einst bekannte als auch unbekannte Persönlichkeiten wurden bisher noch in keinem lexikalischen Werk dokumentiert.

Als österreichische Journalisten galten uns jene, die 1918 auf dem Staatsgebiet der Doppelmonarchie geboren worden waren und die ihre journalistische Tätigkeit vor 1918 (bzw. für Journalisten aus dem kleineren Österreich vor 1938) begonnen hatten. Es wurden also auch deutsch-schreibende Journalisten einbezogen, die ihre Tätigkeit nach dem Zerfall der Doppelmonarchie in den Nachfolgestaaten fortsetzten oder ihren Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach 1918 oder aufgrund politischer Verfolgung nach 1938 in andere Länder verlagerten. Bei unseren Erhebungen haben wir bemüht, neben der erhobenen, journalistisch tätigen Person auch Aufschlüsse über deren Eltern, Ehegatten und Kinder zu erlangen.

Als jüdische Journalisten galten all jene mit zumindest einem jüdischen Elternteil, auch wenn sie später der jüdischen Religion den Rücken kehrten, wobei manche von ihnen übrigens diesen Entschluss später aufgrund verschiedener Umstände wieder umstießen. Die Zugehörigkeit ebenso wie der Austritt aus der jüdischen Religion wurde, soweit möglich, an Hand der jüdischen Matriken erhoben. Der Austritt aus der jüdischen Religion bedeutete in vielen Fällen nicht eine völlige Abwendung vom Judentum, viele Ausgetretene beschäftigten sich auch später persönlich oder als Schriftsteller weiterhin mit dieser Problematik.

Eine Einschränkung bildete die Entscheidung, nur solche aus Österreich stammende Journalisten jüdischer Herkunft zu berücksichtigen, die zumindest teilweise in deutscher Sprache publiziert haben (auch wenn sie vielleicht in erster Linie in ungarischer, tschechischer oder jiddischer Sprache schrieben).

Die Datenbank enthält neben angestellten Redakteuren von Tages- und Wochenblättern auch freie Mitarbeiter, Herausgeber und Verleger von Zeitungen, für den Rundfunk tätige Redakteure und Autoren, Filmkritiker, Fotographen, Illustratoren und Karikaturisten, sowie eine größere Zahl an Fachschriftstellern, wie Ärzte, Juristen, Historiker, Psychoanalytiker usw., von denen viele nicht nur die Gründer oder Chefredakteure einschlägiger Fachblätter waren oder in diesen publizierten, sondern auch regelmäßige Mitarbeiter von Tages- und Wochenzeitungen.

Eine Untersuchung über einen Zeitraum von nahezu einem Jahrhundert hat es nicht mit einer einzigen Generation, sondern mit einer Abfolge mehrerer Generationen von Journalisten zu tun, die aus allen Teilen der Donaumonarchie stammten, von denen viele Journalisten schon als Kinder mit ihren Eltern nach Wien, Budapest oder Prag zogen. Nur etwas mehr als ein Viertel aller österreichischen Journalisten jüdischer Herkunft der in unserer Datenbank erfassten Journalisten und Journalistinnen stammte aus Wien. Ein etwa gleich hoher Anteil war in Böhmen, Mähren und dem österreichischen Schlesien geboren, mehr als 400 kamen aus Ungarn und mehr als 330 aus Galizien und der Bukowina. Sehen wir nur die Gründer der großen liberalen Wiener Blätter an: Max Friedländer (Neue Freie Presse) stammte aus Schlesien, Moritz Széps (Neues Wiener Tagblatt) und Heinrich Kanner (Die Zeit) aus Galizien, Ignaz Kuranda, Ignaz Jeitteles (Julius Seidlitz) aus Prag, Theodor Hertzka (Wiener Allgemeine Zeitung), Franz Ignaz und Isidor Singer aus Ungarn.

Der Eintritt von jüdischen Schriftstellern und Intellektuellen in die österreichische Journalistik begann zwar schon vor 1848, denken wir an Ignaz Kuranda, Moritz Gottlieb Saphir oder Moritz Hartmann, aber erst der Beginn der liberalen Ära ab 1867 schuf die Voraussetzungen für einen Aufschwung der Publizistik. Die Trennung der Journalistik von der Literatur und die Herausbildung als eigeständiger Beruf mit spezifischen Anforderungen war ein längerer Prozess und wir können etwa an zahlreichen prominenten Vertretern vor allem des klassischen Wiener Feuilletons (Joseph Roth, Alfred Polgar, Egon Friedell, Stephan Großmann) sehen, dass es noch bis 1938 zahlreiche Wanderer zwischen beiden Welten gab. Viele unter den jüdischen Journalisten - und es sind zahlreiche interessante Persönlichkeiten darunter - waren ihr ganzes Berufsleben hindurch in den entferntesten Winkeln des Vielvölkerstaates journalistisch tätig. Deutschsprachige Blätter erschienen von Bregenz bis Czernowitz und von Reichenberg bis Sarajevo, ja selbst jenseits der Grenzen der Donaumonarchie sowohl in Nachbarstaaten als auch in den USA, in Frankreich, dem Osmanischen Reich usw.

Die jüdischen Journalisten, das scheint mir ein wichtiges Ergebnis unserer Arbeit zu sein, das alte Vorurteile ausräumt, waren jedoch in allen Ressorts und auf allen hierarchischen Ebenen des Zeitungs- und Medienbetriebs tätig und ihr Verdienst bei der „Erfindung“ gewisser neuer Erscheinungsformen des 19. und 20.Jh. ist unübersehbar. Ihr Beitrag zur österreichischen Journalistik im Zeitraum vor 1938 ist so essentiell, dass die Vielfalt und die Eigentümlichkeiten der österreichisch-ungarischen Medienlandschaft vor dem Holocaust ohne ihren Beitrag nicht vorstellbar sind. Viele von ihnen verließen Österreich, nicht immer aufgrund politischer Verfolgung, schon lange vor 1938 und erlangten, wenn wir an Joseph Pulitzer, Oswald Ottendorfer, Henry Opper de Blowitz, Sigmund Engländer oder Paul d’Abrest denken, international großes Ansehen. Auch das aufblühende Zeitungswesen Berlins bildete schon früh einen Anziehungspunkt für Journalisten aus allen Teilen der Donaumonarchie, besonders für jene Böhmens. Wir finden Journalisten jüdischer Herkunft seit dem 19.Jh. auch in Frankreich, Rußland und allen an die Monarchie angrenzenden Staaten.

Unter den jüdischen Journalisten waren nicht wenige, deren „über den Tag hinaus“ weisende Bedeutung für die Zeitgenossen erkennbar war. Das beste Beispiel dafür ist zweifellos Theodor Herzl, dessen Schriften ebenso wie sein praktisches Wirken das Fundament für eine Staatsgründung bildeten. Aber auch für Karl Kraus, Stefan Zweig, Joseph Roth, Egon Erwin Kisch, Friedrich Austerlitz – die Reihe ließe sich noch fortsetzen - gilt, dass ihr journalistisches Wirken über den Tag hinaus Bestand haben würde. Es erstaunt daher, wie lange die Kommunikationswissenschaft in Österreich die Bedeutung des Beitrags jüdischer Journalisten übersehen hat.

Eine weitere grundlegende Schwierigkeit für die Dokumentation des journalistischen Werks stellt allerdings die Anonymität der Presse dar:

Abgesehen vom Feuilleton, dem politischen Leitartikel und einigen anderen redaktionellen Sparten, wurde (und wird auch heute noch) die Mehrzahl der Beiträge von Journalisten verfasst, die ihre Beiträge nur in Ausnahmefällen mit vollem Namen oder unter Verwendung eines Namenskürzels oder Pseudonyms zeichnen; die Folge davon war eine sehr selektive Wahrnehmung einer relativ begrenzten Zahl herausragender journalistischer Persönlichkeiten. Dies gilt insbesondere auch für die meisten Journalistinnen, die sich bis 1938, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gegenüber ihren männlichen Kollegen in der Regel mit untergeordneten Positionen bescheiden mussten. Die Genderforschung hat allerdings in den letzten Jahren zur Erforschung ihrer Leistungen auf allen Ebenen des geistigen Schaffens (z.B. Ariadne, BiografiA) einen großen Schritt vorwärts gemacht.

Soweit dies im gegebenen Zeitrahmen möglich war und vertretbar erschien, haben wir uns daher bemüht, sowohl selbständige wie auch unselbständige journalistische Veröffentlichungen nachzuweisen, letztere zumindest exemplarisch. Es gelang uns, bisher insgesamt 4.540 selbständige Werktitel und mehr als 3.000 Zeitungsartikel nachzuweisen.

Mehr als 1.100 aus Österreich(-Ungarn) stammende Journalisten und Journalistinnen waren nach unseren Recherchen von den diskriminierenden Maßnahmen, die das NS-Herrschaftsregime im Bereich des Medienwesens setzte, betroffen. Sie mussten ihre berufliche Tätigkeit in Österreich, Ungarn, der CSR und in anderen Gebieten aufgeben, die seit 1938 unter dessen Hoheit gelangten, wurden aus diesen Ländern entweder vertrieben oder in den Jahren 1938-1940 verhaftet.

Viele von ihnen konnten sich, oft in letzter Minute, vor weiterer Verfolgung in sichere Exilländer retten; die wichtigsten Exilländer der verfolgten Journalisten waren (in dieser Reihenfolge) die USA, Großbritannien, Frankreich, Palästina und die Schweiz, die meisten jener, die in Österreich, der CSR, Ungarn, Polen oder Rumänien blieben, wurden dagegen Opfer des NS-Gewaltregimes und verloren ihrer jüdischen Herkunft wegen oder aufgrund politischer Gegnerschaft zum NS-Regime während der Jahre 1939-1945 in Gefängnissen und Konzentrationslagern ihr Leben.

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